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Vor 150 Jahren... (Kopie 1)

Das Rote Kreuz anno 1870 in der Mainzer Geschichte

Als der 70er Krieg begann und mit den ersten Siegesnachrichten nicht nur sehr bald Gefangene, sondern auch Verwundete eintrafen, begann damals in Mainz, der stärksten deutschen Festung und dem Waffenplatz ersten Ranges die Tätigkeit des Roten Kreuzes. Zuerst bildete sich ein Korps zur Bewirtung der fortziehenden Truppen, das so genannte Erfrischungskorps, dessen ca. 300 Mitglieder, Personen jeden Standes und Alters, in Sektionen eingeteilt, unter der Leitung von Kommerzienrat K. F. Denninger, allein in der Zeit vom 2. 7. bis zum 11. 8. 1870 ca. 144000 Schoppen Wein, der von Mainzer Weinhändlern gespendet war, an die Militärzüge, die den Mainzer Bahnhof der hessischen Ludwigsbahn in Richtung Frankreich, aus Ost und Nord kommend, passierten, verabreichten.

Es war in jenen Tagen, als König Wilhelm von Preußen im Deutsch-Ordensritterhaus in Mainz wohnte. Fürst von Bismarck wohnte im Hause der Sektkellerei Kupferberg auf dem Kästrich das "Auswärtige Amt" unterhielt und Graf v. Moltke vom Holl die "Kampfhandlungen" befehligte.

Aber bald war Mainz, nachdem die unmittelbare Gefahr für die Stadt durch den siegreichen Vormarsch des deutschen Heeres abgewandt war, durch den bewährten Wohltätigkeitssinn seiner Bürger ein zentraler Sammelpunkt für Hilfskräfte jeder Art. Es fanden sich viele hervorragende Mainzer Bürger. Besonders zu erwähnen wäre der Geschäftsführer der "Sanitäts-Hülfsvereine', aus denen sich später das Rote Kreuz bildete, Dr. Carl Jung , Bezirksgerichtsrat und Gründer der Mainzer Volksbank, sowie die Arzte Dr. Kupferberg, Dr. Krug, Spitaloberarzt Dr. Hochgesandt vom Rochuskrankenhaus, auch die Sammler von Gaben jeder Art, sei es für die Unterstützung von Familien der Reservisten, Invaliden, Hinterbliebenen, Gefallenen und durch den Krieg notleidenden Einwohner.

Es wurde neben einer Sammlung von Vereinen eine "Pfennigsammlung' für die Soldaten eingeführt, mit deren Hilfe nicht nur den Opfern des Krieges, sondern auch die Ausrüstung von Lazaretten vorgenommen werden konnte. Diese umfassende und für die Not der Zeit wichtige Tätigkeit entfiel insbesondere auf den Hülfsverein für Krankenpflege und Unterstützung der Soldaten im Felde sowie auf den zu gemeinsamem Wirken verbundenen Frauenverein für Krankenpflege. Es wurden hier in den Gründungstagen des Mainzer Roten Kreuzes solch beachtliche Leistungen vollbracht, dass man heute in einem hoch entwickelten technischen Zeitalter nur noch staunen kann.

Ein freiwilliges Sanitätskorps war schon im Juli 1870 in einer Stärke von 120 Mann für den Fall gebildet, dass Mainz einer Belagerung als Festung ausgesetzt würde. Nach der Erstürmung von Weißenburg am 4. August 1870 und der Schlacht bei Saarbrücken am 6. August 1870 bestand für eine Belagerung der Festungsstadt Mainz keine Gefahr mehr. Jedoch die große Anzahl von verwundeten und kranken Soldaten, nicht zuletzt die über 30000 Gefangene, die mit dem Mac Mahonischen Zeltlager in unsere Stadt kamen um in Zahlbach vor den Toren der Stadt den Winter zu verbringen, sie stellten insbesondere in sanitärer Hinsicht große Anforderungen an alle Hilfsorganisationen. Das zwischen dem Linsenberg, dem Gautor und der Zahlbacher Chaussee gelegene Lager auf einem Gelände von über 100 Morgen Land wurde von den Mainzern "Klein Paris" genannt und musste für den Winter in heizbare Baracken für je 200 Mann umgebaut werden. Viele der Gefangenen arbeiteten in der Stadt, und die sehr gute Gefangenen-Musikkapelle unter der Leitung des Mainzer Konzertmeisters Triebel gab gut besuchte Konzerte in Mainz. Nach vorhandenen Unterlagen sind von den gefangenen Franzosen bis zu deren Abzug im April 1871, 5820 erkrankt, wovon 978 in Mainz gestorben sind und auf dem Mainzer Friedhof ihre letzte Ruhestätte fanden.

Durch einen der freiwilligen Hülfsverein, aus welchem dann das Rote Kreuz entstanden ist, wurde bereits am 11. August 1870 in der 1687 qm großen Güterhalle des Bahnhofs am Holzturm eine provisorische Verbandsstätte eingerichtet. Dieses Provisorium wurde durch eine am 26. November 1870 vor dem Raimundi-Tor (Eisenbahnstation Gartenfeld) erbaute Halle von 950 qm ersetzt. In dieser Halle wurden bis Kriegsende 146700 Personen verbunden, neu bekleidet, erfrischt oder sonst wie unterstützt. Alle, ob Deutsche, Franzosen oder Afrikaner, lernten hier die rheinische Herzlichkeit und erste sanitäre Hilfe im Gründungsjahr des Mainzer Roten Kreuzes kennen.


In diesen Tagen und Wochen half in Mainz jeder, ob Arzt, ob Mann oder Frau, bei Tag und Nacht in unermüdlichem Wetteifer. In der von Frauenvereinen geleiteten Arbeitswerkstätte, welche in den Räumen des Theaters errichtet war, herrschte eifrige Tätigkeit. Mainz war in jenen Tagen wohl der größte deutsche Verbandsplatz und Hauptverpflegungsstation für die von Kriegsschauplätzen eintreffenden Kranke und Verwundete. Aber nicht nur der Mainzer Verbandsplatz, sondern auch der aus Spenden errichtete Lazarettzug war zu dieser Zeit eine einmalige mustergültige Einrichtung, die internationales Lob bekam. Wie aus vorhandenen Unterlagen festgestellt werden konnte, hatte die Verwaltung der Hessischen Ludwigsbahn in Mainz auf Veranlassung des Zentralkomités und mit Hilfe der von diesem Komité zur Verfügung gestellten sanitären Hilfsmittel im Oktober 1870 einen Lazarettzug gestellt, der am 4. November 1870 seine Fahrten begann. Er hatte 28 heizbare Wagen mit 160 Hängebetten, 160 gepolsterten Sitzplätzen und eine Küche mit Utensilien für 350 Leute nebst Platz für Personal, Ärzte und eine Apotheke. Eine wunderbare Gemeinschaftsleistung auf sanitärem Gebiet im Gründungsjahr des Mainzer Roten Kreuzes. Londoner Times: "Der Stadt Mainz gebührt in dieser Beziehung die Krone“. Andere Zeitungen schrieben: "Mainz verdient den Dank aller Deutschen“ usw. In der Tat, die Leistungen der Mainzer Bürger waren in dieser Zeit einmalig. Und in diesen Tagen entstand in Mainz die "Rote-Kreuz-Organisation“. Dem Tun und Handeln kamen insbesondere zugute die vielen Erfahrungen der 18 Hülfsvereine. Es war damals notwendig, in Selbstherstellung die benötigten Verbandsgegenstände jeder Art sowie Bettzeug, Matratzen und Kissen zu beschaffen, um überhaupt solche Leistungen vollbringen zu können. Im Gymnasium konnte aus dieser Zusammenarbeit schon gleich bei Beginn des 70er Krieges ein „Reservelazarett" mit 200 Betten eingerichtet und zur Verfügung gestellt werden.

Hinzu kam die Sorge um die durch die eingeschleppte Krankheit „Blattern“, die hier in Mainz Epidemie artig auftrat, befallenen Bürger. Es wurde notwendig, eine isolierte Blattern-Station vor dem Münstertor zu errichten. Aber auch die von der Militärbehörde eingesetzten 16 Dampfschiffe zum Transport von Kranken und Verwundeten nach den rheinabwärts gelegenen Lazaretten mussten mit Einrichtungsgegenständen und vor allem mit Personal versorgt werden. Die verwundeten und kranken Soldaten kamen am Ludwigs - Bahnhof (Holzturm) an und wurden auf Schiffe verladen. Die Sanitätsorganisation zerfiel, wie uns überliefert wurde, in zwei Abteilungen. Eine Abteilung von 100 Mann war nur für den Dienst im Felde bestimmt und auch dort tätig. Eine weitere Abteilung von 180 Mann betätigte sich nur auf den Verbandsplätzen. Sie wurden, wenn es besonders hoch zuging, von den Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr, des Mainzer Turnvereins und der Schützengesellschaft unterstützt. Auch die mit großer Aufopferung und Hingabe arbeitenden barmherzigen Schwestern und Franziskanerinnen dürfen hier nicht vergessen werden. Es war am 8. März 1870, als auf Anregung des von Prinzessin Alice, der Tochter der Königin Viktoria von England, und Gemahlin des Großherzogs Ludwig IV. von Hessen und bei Rhein, in Mainz der Frauenverein vom Roten Kreuz als Zweigverein des für das damalige Großherzogtum Hessen gestifteten Alice-Frauenvereins gegründet wurde. Zusammen mit dem im gleichen Jahr gegründeten Rote-Kreuz-Verein Mainz, der aus dem Hilfsverein in Mainz entstand, wurde sofort die sanitäre Tätigkeit aufgenommen. So konnten noch im Jahre 1870/1871 23 Aliceschwestern der Krankenpflege zur Verfügung gestellt werden.

In dieser sehr schweren Zeit von 1865 bis 1871, also in dem Gründungsjahr des Mainzer Roten Kreuzes, war der Chef der Firma B. Schott's Söhne, Kommerzienrat Franz Schott, Bürgermeister von Mainz. Sowohl er als auch sein Nachfolger, Karl Racke, unterstützten alle diese sanitären Bemühungen. Aber auch der damalige Festungsgouverneur Prinz von Holstein, wie ihn die Mainzer nannten, tat alles Erdenkliche, um die so musterhaft organisierte Pflege von Kranken und Verwundeten hier vollbringen zu können. Prinz von Holstein war der Vorsitzende des Zentralkomitee aller Hilfs- und Sanitären Vereine und somit indirekt der erste Vorsitzende des sich damals gründenden Roten Kreuzes Mainz. Ihm wurde auf dem Sterbebett das "Ehrenbürgerrecht" der Stadt Mainz verliehen.

15. Mai 2020 10:28 Uhr. Alter: 1 Jahre